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AitaFluryBergtrotteTragwerk
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Situation

Hangparallel thront die längsrechteckige Trotte mit silhouettenbildendem Giebeldach mitten in den Rebbergen über Osterfingen. Der denkmalpflegerische Wunsch diese starke und genuine Setzung weiterhin als Solitär in Erscheinung treten zu lassen ist nachvollziehbar und wird respektiert. Der Entwurf reagiert deshalb für den neuen Zubau mit einer bergseitig an die Trotte direkt angelagerten Struktur, die unterirdisch in den Hang eingreift. Ein ähnlich grosses Volumen wie der jetzige Hochbau (mit anderen Ausdehnungen) wird aus dem Hang ausgegraben und entspricht dem eingetieften Gegengewicht der heutigen Trotte. Das neue Kellergebäude wird abschliessend mit natürlicher Erde überdeckt – die Dimension der unterirdischen Anlage bleibt von aussen nur über das ausgestülpte Oberlichtband am nördlichen Ende sowie den westlich aus dem Erdreich aufscheinenden neuen Eingang erahn- oder erfahrbar. Diese aus der Erde ausgestülpten Skulpturen stecken zusammen mit der alten Trotte neu den Bereich der Wiese ab, der restliche Landschaftsraum bleibt ungestört und wird bestimmt von den raumbildenden Rebstöcken, welche die Trotte sanft einbetten.

 

Die Zugänge zum neuen Gebäude sind lateral: Die Anlieferung auf der Ostseite erfolgt über einen von der Trotte abgerückten „Schnorchel“, sodass die Ankunftsseite unberührt bleibt. Auf der Westseite wird durch die aus dem Erdreich stossende Trottenbeiz zusammen mit der Trotte ein selbstverständlicher Vorplatz artikuliert, der als Ort für die Gartenbeiz mit bester Besonnung und Aussicht genutzt werden kann. Der Eingriff bleibt in seiner Dimension unmerklich und wird durch die umliegenden raumbildenden Rebstöcke sublimiert. Ausserhalb des Betriebs bleibt der neue Zugang durch ein massives Holztor, das an die Tore der alten Bergtrotte erinnert, geschlossen.

 

 

Innenräume

Das architektonische Thema des neuen Kellergebäudes wird aus dem Hang, aus der Erde heraus entwickelt: Die Rohheit der Abbruchstellen der Baugrube, die Schnittstelle des neuen, gebauten Raumes mit dem Erdreich sollen auch im fertigen Gebäude spürbar werden: der aus der Erde ausgeschnittene Negativraum wird deshalb zuerst mit einer Stützmauer aus gestampftem Trasskalk befestigt - die Schichten, ihre Farbigkeit und archaische Direktheit sind Abbild der Scholle, aus der die Weinreben wachsen. In diese befestigte „Baugrube“ wird eine einhüftige Betonrahmenstruktur eingestellt, die quer zum Hang steht und den Hangdruck nicht nur physisch sondern auch optisch abfängt.

 

Der Struktur wird eine neue Raumordnung und -geometrie überlagert, die in der Horizontalen auf die leichte Schiefwinkligkeit der Bergtrotte (verschiedenen Bauphasen) reagiert. Der neue grosszügige Korridor, der in direkter Adhäsion an die bestehende Trotte angebaut ist, bildet - einer Schmetterlingsfigur ähnlich - das Rückgrat der neuen Raumfolge. Er ist das Relais zwischen Alt und Neu, Vermittler zwischen den Zeiten und zwischen Hoch- und Tiefbau, und erschliesst alle Räume des neuen Ensembles.

 

Der Schnitt der neuen Räume wird vom Thema des Hangs geprägt: die Betonrahmen fangen den Hang ab, zeichnen dessen Gefälle nach und kulminieren in einem Oberlichtband, das sich über die ganze Breite der hinteren Stützmauer entwickelt. Das natürliche Licht wird hier mit aller Kraft eingefangen und beleuchtet als „wallwasher“ die Trasskalkwand um sich von dort aus in die Kellerwelt auszubreiten. Die Wandfüllungen aus transluzenten Glasflaschenböden (plastische Glasbausteine) sorgen für eine diaphane Verteilung des Lichtes über die ganze Gebäudetiefe bis in die Korridorzone hinein.

 

Das Ensemble der drei Haupträume Trottenbeiz/Degustationsraum, Eventraum und alte Trotte ist so angelegt, dass die einzelnen Räume - für den Besucher überraschend - sich in einer ihnen jeweils sehr eigenen Stimmung eröffnen. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit sind sie aber über die kompositorische Materialwahl gleichzeitig zu einer festen Einheit zusammengebunden. Diese geht von einem archaisch gefärbten Grundton aus, der in direktem Bezug zum Landschaftsraum und zum Weinanbau steht. Diesem werden je nach Raum mehr oder weniger scharfkantige und/oder gläsern-glänzende Elemente überlagert.

 

Die Trottenbeiz und der Degustationsraum sind zu einem langen, schmalen Raum zusammengeschlossen, der in seinen Proportionen an historische Weinkeller erinnert. Die dreiseitige Wandausbildung in Lehm bringt den Raum in ein in sich ruhendes Gleichgewicht, das von den Lichteinfällen an den beiden Kurzenden überlagert wird. Die Deckengeometrie des Raumes ist Ausdruck der besonderen Position des Raumes als Scharnier zwischen Aussenraum und Kellerstruktur. Die rohe Betonschalung der Decke steht im Kontrast zum glänzenden Stampflehmboden, dazu wird ein Bar- und Küchendurchreichemöbel in Holz oder Holzwerkstoff kombiniert.

 

Der Eventraum zeigt nutzungsneutrale Proportionen (Breite 12.0m, Länge 17.7m) und wirkt trotz seiner unterirdischen Anlage durch seine aufsteigende Raumhöhe und durch den Lichteinfall erhaben. Die Kombination der reflektierenden Glasflaschenbodenfüllungen mit den scharfkantigen Betonrahmen und den erdigen Elementen der Trasskalkwand und des Stampflehmbodens lassen den Raum zwischen sakraler und industrieller Stimmung hin und her oszillieren.

 

Die alte Trotte wird von allen unnötigen Einbauten entleert und in ihrer ursprünglichen Einraumtypologie gestärkt: ein dämmeriger Scheunenraum, dessen Kraft in seiner Leere und den haptischen konstruktiven Elementen gründet. Der neue Boden aus Stampflehm nivelliert das Gefälle konservativ aus, sodass das Nullniveau auf der Höhe des westlichen Eingangs zu liegen kommt, in dessen Verlängerung auch der Durchgang in den neuen Zubau liegt. Die nördliche Stützwand wird mit einer feingliederigeren Natursteinmauer neu verblendet. Im Gegensatz zu der zenitalen Belichtung der Kellerräume werden für die alte Trotte kleine, dreieckige Öffnungen vorgeschlagen, die in Relation zu den Putzfeldern der historischen Fassadenkonstruktion frei gesetzt werden.

 

Konstruktion

Hangdruck

Der Hangdruck wird über eine Lehmwand W aufgenommen. Die geböschte Form, das heisst die Neigung zur Vertikalen, reduziert die Erddruckkräfte.

Der Erddruck wird von der Lehmwand einerseits direkt in die Bodenplatte B eingeleitet, andererseits auch in die Rahmenstiele S und in die Oblichtwand O. Die Rahmenstiele stützen sich auf die Rahmenriegel R. Diese werden wiederum von der Dachscheibe D, die wie ein liegender Träger zwischen den Aussenwänden M wirkt, in ihrer Position gehalten.

 

Erdüberschüttung

Die geneigte Dachfläche mit minimaler Erdüberschüttung führt zu vergleichsweise geringen Auflasten und damit zu einer wirtschaftlichen Konstruktion.

 

Stabilisierung der Bergtrotte

Lokale Schwachstellen der Holzkonstruktion werden durch Anfügen von Knaggen mit zimmermannsmässigen Mitteln instandgesetzt. Bei grösseren Fehlstellen können zugbeanspruchte Balken mit neuen Stücken ergänzt und durch seitlich angeordnete Edelstahlseile V vorgespannt werden. Damit wird auf eine einfache und diskrete Art der Zusammenhalt des Dachs sichergestellt.

 

Die Stabilität gegen Erdbebenkräfte in Längsrichtung ist durch die bestehende Konstruktion gewährleistet. In Querrichtung werden die Einwirkungen von neuen, bergseits angeordneten „Strebepfeilern“ P aufgenommen. Die exakte Lage dieser Pfeiler wird auf das bestehende Riegelwerk abgestimmt.

 

Lehmwand

Sie besteht aus einem lehmigen Schotter mit Trasskalk, der gegen eine einhäuptige Schalung gestampft wird. Als Zuschlagstoff kann man aufgrund des geologischen Berichts weitgehend Aushubmaterial der Baustelle verwenden. Die Bodenanteile mit einem Durchmesser grösser als 40 mm werden mit einem Schotterreinigungssieb aussortiert und das verbleibende Material durch Zugabe von aufgrund von Vorversuchen genau dosiertem Kiessand und Trasskalk zu einem betonähnlichen Material verarbeitet. Dies kann auf der Baustelle, zum Beispiel auf der geräumigen Bodenplatte erfolgen. Die Festigkeiten des Materials werden vorgängig an Probewürfeln bestimmt; wenn nötig kann die Lehmwand auch durch dünne horizontale Ortbetonstreifen verstärkt werden.

 

Bauvorgang

Die Baugrube wird temporär mit einer Spritzbetonsicht und Erdnägeln gesichert. Die temporären Erdnägel benötigen keinen Korrosionsschutz. Nach Aufbringen der Entwässerungs-, Dichtungs- und Dämmschichten wird die Lehmwand eingebaut. Anschliessend werden die Betonbinder, Decken usw. konventionell hergestellt. Die Lehmwand wirkt statisch als vierseitig gehaltene horizontal durchlaufende Platte (Bodenplatte, Betonbinder, Oblichtwand) und ist entsprechend bewehrt.

 

Bergtrotte Osterfingen
Wettbewerb 2. Preis
Osterfingen SH 2011

 

Architekten:
Aita Flury, Roger Boltshauser

 

Landschaftsarchitekten:
Mettler Landschaftsarchitektur


Ingenieure:
Conzett Bronzini Gartmann AG


Publikation: 
hochparterre wettbewerbe 3, Juni 2011


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Hangdruck: Stadio Flaminio Rom 1959

Ingenieur: Pier Luigi Nervi