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Speakers Corner 04.02.2010

 

Autogrill

Entwerfen beruht auf Selbsterfahrung, Entwerfen beruht auf biologischen Reflexen und diese wiederum beruhen auf Raumwahrnehmung. Das ist der ewige Ausgangspunkt, das worüber ich am liebsten nachdenke und wofür Worte zu suchen unumgänglich scheint:

 

Das Im-Raum-Sein ist die Grundbedingung menschlicher Existenz!

 

Dazu möchte ich ein paar Bilder zeigen von einem Ort, der mir am Herzen liegt und der sich mir über fast mein ganzes Leben als zweite Heimat eingeschrieben hat. Um diesen zu erreichen muss man über die 2000 Jahre alte römische Arterie der Via Emilia und heute schnurgeraden mehrspurigen Autobahn A1 zwischen Mailand und Bologna dahinbrettern. Mit hoher Geschwindigkeit durch eine Gegend fahren, die von den meisten nur als vorüberziehende Landschaft, als Transitort wahrgenommen wird.

 

Fragment

Der Eindruck des schnellen Durchquerens, der durch die eben fertiggestellte Zug- Hochgeschwindigkeitslinie zwischen Milano-Bologna ein weiteres Mal verstärkt wird. Während dieses Durchreisens scheinen durchaus erstaunliche Objekte auf, Unfertiges, Fragmente die von anderen, verlöschten Ideen künden, Hitzewellen: Diese Eindrücke tragen einen hinein in eine scheinbar immer flacher werdende Landschaft.

 

Casone

Sie stehen für das Angezogen-Werden vom extremen Horizont, totale Horizontale, grenzenlos, für das Offene. Für das Hinter-Sich-Lassen der Berge. Diese Landschaft ist sogar horizontaler als das Meer. Zeitraffer und Zeitlupe gleichzeitig, Vanishing Point - Leerer Raum – das Amerikanische, Heimat von Michelangelo Antonioni.

 

Karte

In dieser Region und schliesslich in der peripheren Landschaft am Meer, die das Ziel dieses Durchfahrens ist, hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jh. ein Siedlungs- und Landschaftswandel von epochalem Ausmass vollzogen. Die Geschwindigkeit der Veränderung nach dem zweiten Weltkrieg und speziell seit 1955 war ausserordentlich und erfolgte in einer dramatisch kurzen Zeitspanne. Die anthropologische Mutation hat, wie überall, hier die Landschaft, die Agrarlandschaft, radikal verändert, neue Siedlungsformen haben sich herausgebildet, auch am Meer - z.B. die Küstenmetropole Rimini. Der nördliche Teil der Küste aber ist stärker durch natürliche Elemente geprägt geblieben, nämlich durch die Naturreserve der Mündung des Pos, die „foci del Po“ und die benachbarten Lagunenbereiche.

 

Lagune

Es ist eine erstaunlich entschleunigte Landschaft zu entdecken, der Rhythmus ist langsam und flach. In der Luft liegt das Warten. Das Spezifische dieser Landschaft sind die Wassertäler und Lagunen, eine Art „terrain vague“ mit toten Wassern: Man weiss nicht wo der Fluss aufhört und wo das Meer anfängt. Man weiss nicht ob das Wasser vom Land ins Meer strömt oder vom Meer ins Land. Die Taxonomie der Landschaft ist bestimmt vom Wasser, von den Dämmen, von den Kanälen, den Lagunen.

 

Kanal

In ein Netz aus Wasserwegen sind die Strassen und Fusswege eingewoben. Die Pfade und die Bänder von Erde zwischen den Wassergräben dehnen sich von einem Horizont zum anderen aus.

Es ist alles so flach, dass man sich erhöht vorkommt, wenn ein Weg nur 15cm über dem Niveau liegt.

 

Linien

Diese ehemaligen Sumpfgebiete, die paludi, sind leere Landschaften. Ein riesiger Himmel über der Fläche von rechteckigen Grundstücken, die von Gräben und Fahrdämmen zerschnitten sind. Auf die Erde gezeichnete Linien, dazwischen Häuser, Bäume und Campanili weit auseinander, im Raum verstreut. Verlassenes.

 

Leere

Eine leere Ordnung, die sich überall und ohne Motiv wiederholt. Der Geruch davon, dass die Dinge so bleiben wie sie sind. Die Besonderheit des Ortes ist mir erst in den letzten 10 Jahren bewusst worden.

 

Meer

Denn als Kind war das Ziel nur eines: das Meer! Das Meer erzählt von Ferien, wenn man das Meer riechen konnte, war man angekommen. Das war das Territorium. Früher genutzt als Ort der Aktivität ist es heute eher Ort der Stille. Es ist Antithese zu den Bergen, die nie still sind, weil ihre Konturen heulen, wie Baudrillard es formuliert. Es ist bewegt unbewegt: Man sitzt am Meer schaut zu, wie langsam eine Sandburg zerstört wird, wie der Turm vielleicht erst beim dritten oder vierten Anlauf zusammenbricht.

 

Lidi

In dieser Gegend ist alles in viel kleinerem Massstab geblieben, es ist nicht die Küstenmetropole Rimini. Die an vorderster Front stehenden Architekturen künden aber durchaus von der Aufbruchstimmung der Sechzigerjahre. Im Herbst werden die harten Gerüste in den typischen Nebel gehüllt, weichgezeichnet, mystifiziert.

 

Pineta

Die endlose Horizontale des Hinterlands fangen einerseits diese vertikalen Architekturen ab, ihnen vorgelagert ist dazu ein Breitstreifen Wald, Pinienwald. Seit ca. 15 Jahren hat dieser leider seine Unschuld verloren und der Alptraum der Breite im Sinne eines sprawls hat sich auch hier etabliert.

 

Cantiere Vascello D’Oro

In früher Kindheit gibt es wie gesagt eine prägende Kraft der bewussten und unbewussten Speicherung aller uns begegnenden Architekturen und Naturräume - diese vermitteln uns die entscheidenden Grunderfahrungen, sozusagen die archaischen Urgesten. Sie sind dafür verantwortlich, was wir später im Leben als angenehm oder unangenehm empfinden. Sie prägen Ideale. Radikal und ideal.

 

Cantiere Vascello D’Oro mare

Dieses Haus hier war und ist ein solcher Ort der konkreten Erfahrung. Ich bin viel dort gewesen, ich habe diese Dinge gesehen, ich gehe immer noch dorthin und ich sehe sie immer wieder neu. Kein anderes Haus hat mich so geprägt, kein anderes Haus hat mich so stark innerhalb einer frühkindlichen Erfahrung und einem langsamen Erkennen einer Struktur (vielleicht seit 10 Jahren) berührt. Von einer einfachen Sicht, die intuitiv richtig war, hin zu einer vielschichtigen Sicht, die reicher wird und in Frage stellt.

 

Vascello D’Oro lontano

Das Haus heisst Vascello D’Oro, was soviel bedeutet wie goldenes Schiff, in seinen Anfängen noch aus dem jungen, unbefleckten Pinienwald hervorragend. Das Bild steht aber wiederum auch für die absolute Weite des Himmels.

 

Vascello D’Oro mare

Das Bild vom Meer aus ist ein zeitgenössisches Foto und zeigt, warum dieser Ort bis heute extrem wertvoll geblieben ist: trotz allseitigem Überbauungsdruck ist das Vascello eine Oase geblieben; erst letztes Jahr wurde der links angrenzende Streifen sogar als Naturgebiet unter Schutz gestellt. Das Gebäude hat die Kraft sich als autonomes Objekt in einer privilegierten Lage zu behaupten. Von weitem erinnert es beinahe an Sanatoriumsarchitekturen – Orte in splendid isolation.

 

Vascello D’Oro tempi passati

Die anonyme Sechzigerjahre Architektur des Hauses hatte grosse räumliche Qualitäten: Ein offenes Erdgeschoss mit öffentlichen Räumen innen und aussen, die Wohnungen darauf angelegt zu sehen, Ausschau zu halten, zu beobachten, die Fassaden mit feinen Massnahmen gegliedert in Sockel, Mittelteil und einem sich mit dem Himmel verzahnenden Attika, die Fassaden bewertet und reagierend auf ihre Position, gleichzeitig atmet das Haus auch modernistische, periphere Raumordnungszüge. Die moderne Horizontale.

 

Vascello D’Oro oggi

Ein gewisser Zerfall der Werte ist leider nicht von der Hand zu weisen: ursprüngliche räumliche Massnahmen werden entfernt und durch sogenannte funktionale Massnahmen ersetzt; grigli (brise soleils) fielen zum Opfer, die Transparenz und Verbindungsstelle zwischen Meer und Pineta, das Erdgeschoss, wurde mit Wohnungen mit blauverspiegelten Gläsern verbaut. Umso dankbarer wird man für die Kräftigkeit der Struktur, die Härte des Gerüstet die einiges erdulden können.

 

Vascello D’Oro ristorante

Die Erinnerung an die einstige Atmosphäre des Hauses ist mit Wehmut verbunden: Das Haus hatte ein Milieu, eine Kultur kreiert - das Milieu prägte die Menschen. Die öffentlichen Räume des Erdgeschosses waren Treffpunkt und Bühne, Sehen und gesehen werden – heute muss man seinen Cappuccino oder Prosecco in parasüdtirolischen Holzhütten, die den Strand trivialisieren, schlürfen.

 

Vascello D’Oro salotto

Früher spielte man am Abend Klavier im salotto, die Gesellschaft traf sich dort am Abend in Abendkleidern um zu rauchen, essen, reden, trinken oder auch um Tombola zu spielen. Zurecht trug das Haus den Namen Residenza Vascello D‘Oro (Palazzo heisst es heute noch, aber das ist ein allgemeines Wort für Wohnhaus)

 

Vascello D’Oro abitare 1

Trotz dieses residentialen Ansatzes waren die Wohnungen knapp bemessen, rund 40m2 auf denen alles abgewickelt wurde, schlafen, essen, wohnen. Aber das knappe Raumangebot ist optimal genutzt, materiell einfach aber wohlgestaltet. Ein Ambiente, das heute in noch genau einer einzigen Wohnung zu besichtigen ist. Das appartamento testimoniale müsste unter Schutz gestellt werden.

 

Vascello D’Oro abitare 2

Die Betrachtung zeigt natürlich einen romantischen Blick, eine „recherche au temps perdu“. Eine Art formale Modulation der existenten und nicht existenten Qualitäten. Aber für jede Beschreibung gilt Gleiches wie für jeden Entwurf: Sie ist ein offener Prozess, der aber zielgerichtet ist und dessen Methode selber zu Aufschluss über die Inhalte führt. Die Betrachtung steht zudem für die Verweigerung sich mit einer zunehmends unverständlicheren und weniger bewohnbaren Landschaft, mit dem virulenten Verlust von räumlichen Qualitäten geschlagen zu geben.

 

Der Umbau

Vascello abitare 3

Die Dachwohnung No.87 wurde mit der Idee einer das Original interpretierenden Rekonstruktion umgebaut. Die räumliche Einteilung wird fein justiert, indem die eine Wandscheibe so abgeschnitten wird, dass die Badzelle neu als Kubus in Erscheinung tritt. Die andere Wandscheibe dient weiterhin zur Zonierung des Schlafbereichs. Im Vergleich zum Bestand wird der mittige und raumdefinierende Schrank in die Fassadenebene verschoben. Neu wacht ein multifunktionales Sideboard über die Mitte des Raums; es trägt multiple Funktionen, aber auch objekt-, gestalthaftes in sich, bildet gleichzeitig eine geschützte Nische für das daran angehängte Bett und ist materiell aufgeladen: wie ursprünglich der freistehende Schrank und das Bett sind nun das Sideboard und das Bett in Teak furniert, leicht auf Mahagoni getrimmt. Die wandbegleitenden Möbel sind dezenter, das grau gespritzte MDF verzahnt sich farblich und volumetrisch mit der stark prägenden Rahmenstruktur des Tragwerks. Trotzdem finden sich auch in den Fronten der Küche und des Wandschranks die prägnanten Schiebegriffe des Sideboards, welche die Höhe der jeweiligen Elemente zeichnen. Nur der oberhalb des Rahmentragwerks liegende Hochschrank, der die immense Raumhöhe des Tonnengewölbes im Eingangsbereich reduziert, wird abstrakt gehalten, sodass er optisch mit der Raumvolumetrie verschmilzt. Der einst dunkle Eingangskorridor wird über eine neue Glastüre mit Licht versorgt, was die Lichtsituation in der gesamten Wohnung massgeblich verbessert. Das neue Badmöbel zeigt wiederum eine verzahnende Gestik und integriert Lavabo und Waschmaschine. Der darüberliegende raumverspannende Spiegel dupliziert die Raumgrösse von 3.6m2 optisch. Insgesamt sind die Materialien wie in der Originalwohnung einfach gehalten: anstelle des originalen Linolplattenbodens sorgen jetzt Naturasphaltplatten für eine „robustere“ Atmosphäre. Punktuelle highlights wie das Teakmöbel, die restaurierten Originalleuchten und –stühle sowie ein farbiger Sofaüberwurf aus dieser Zeit nobilitieren die Einraumwohnung.

 

 

Vascello D’Oro App.87

Umbau

I-Lido degli Scacchi (FE) 2010

 

Architektin:

Aita Flury

 

Schreiner:

Carlo Capovilla, Venedig


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Ursprünglicher Originalzustand einer Wohnung in den 60er Jahren